Altenstädt -
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Kirchenbücher

Was uns die Kirchenbücher berichten (1653-1830)
siehe zu den einzelnen Pfarrern unter “Pfarrer und Kirchengeschichte
weiter unten: “Gelegenheitsfund” von Mario Arend


Alles Vergängliche hat eine Anfang und ein Ende. Die drei entscheidenden Zeitpunkte im Leben eines Menschen, die sich in den drei feierlichen kirchlichen Amtshandlungen Tauf, Trauung und Begräbnis zeigen, zeichnet die Kirche erst seit der Reformation auf, aber immerhin Jahrhunderte vor dem Staat. Hierbei ging die evangelische Kirche der katholischen lange voraus. Die Kirchen bedeuteten in alter Zeit soviel wie unsere heutigen Standesämter bzw. amtlichen Einwohnermeldestellen. Wollte z.B. jemand das Bürgerrecht erwerben oder zu anderen Zwecken seinen Geburtsbrief haben, so musste er zuvor den Nachweis erbringen, wer er war und ob er „aus einem ehelichen Bette stammte“. Den „Personalausweis“ hierfür konnte in erster Linie die Kirche aufgrund der Eintragungen im Kirchenbuch liefern, dann auch unter eidlicher Versicherung die Zeugen bei der Geburt, die Nachbarn, wenn sie noch lebten. (Es gab Institutionen, die den Nachweis der ehelichen Abkunft über Generationen forderten).
Über das Ergebnis ihrer sittenstrengen Kontrolle führte die Kirche Buch... in den Kirchenbüchern.
Sie hat genau festgehalten, wenn ein lediges Mädchen „in Unzucht gelebt“, „fleischliche Vermischung gepflegt“, „in Unpflichten und begangener Hurerei ein Kind erziehlet“ hatte, das dann als „Hurenkind“ getauft wurde. In der dörflichen Gemeinschaft blieb alles überschaubar, und so wurde seitens der Kirche strenge Buße verlangt. Eine außereheliche Schwangerschaft war strafbar und durfte nicht verheimlicht werden. Das Leugnen oder das Verschweigen der Schwangerschaft konnte sogar mit Gefängnis geahndet werden. Das Bußregister im Kirchenbuch gibt keine Auskunft darüber, wie die kirchliche Buße nach der Beichte vor dem Pfarrer – oft in Gegenwart seines Gehilfen, des Schulmeisters – ausgesehen hat. Es darf aber auch tröstlicherweise festgestellt werden, dass es Frauen, die „in öffentlicher Sünde lebten“, in Altenstädt nicht gegeben hat.
In den Zeiten der gebieterischen Sittenstrenge konnte sich die Kirche wohl ihres Wissensdurstes nicht so recht enthalten und bei ihren Forschungsdrang auf einen Blick ins Schlafzimmer der ihr anvertrauten Schäflein nicht verzichten. Vorehelicher Verkehr war absolut gegen die Vorschrift, eine sündhafte Entgleisung, die – je nach der Schwere – im Hause des Pfarrers oder vor dem Gottesdienst in der Kirche und vor versammelter Gemeinde, schuldbewusst, reumütig Buße erforderte. Ohne vorausgegangene Absolution und Begnadigung konnte keine Ehe geschlossen werden.
Es muss anerkannt werden, dass die beruflich vielseitig orientierten Pfarrer auch über gute biologische Kenntnisse verfügten, denn in den Kirchenbüchern wird immer wieder festgehalten, dass das Kind nach der Hochzeit viel zu früh auf die Welt gekommen war. Das erforderte selbstverständlich nachträglich und verspätet auch Buße. Neben dem Kniefall kostete das auch eine Kleinigkeit. Insofern ließ sich die Biologie und die Mathematik auf einen Nenner bringen und das kärgliche Einkommen des Pfarrers ein wenig aufbessern. Bei Ehebruch kam man nicht so billig davon. In zwei nachweisbaren Fällen wurde er mit Gefängnis bestraft. In den Kirchenbüchern ist kein Fall von Ehebruch verzeichnet. „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib“, und die Altenstädter hielten sich daran. Brave Leute. Oder waren die Mädchen und Frauen nicht begehrenswert? Sie waren es!
Im Kirchenbuch finden wir folgende Eintragung: „den 27.9.1705 hatt Johannes Hoffmeister, ein 80jähriger man, welcher in seinem witwenstande mit einer lamen Dirne Zu Ermetheisa in unpflichten ein Kind erziehlet, für mir, ins privat, seine buße abgestattet“.

Das älteste Kirchenbuch für Altenstädt beginnt mit dem Titel: “Protocollum Der Kirche Zu Altenstedt Ampts Naumburg: Angefangen im Jahr des Herrn 1653”. Es wurde von Pfarrer Bartholomäus Thomas begonnen. Es endet mit dem 31.12.1787. Die letzten Eintragungen stammen von Pfarrer Johann Galenus Kimm.Nach 21 Seiten Vorbemerkungen mehrerer Pfarrer beginnen die familienkundlichen Eintragungen. Sie sind auf 476 Seiten verzeichnet mit 1322 Taufen, 291 Trauungen und 977 Begräbnissen in 134 Jahren. Diesem Kirchenbuch schließt sich das zweite an: ab 1788 - 1830 mit wiederum 818 Taufen, 152 Eheschließungen und 599 Sterbefällen in 42 Jahren.
Die deutsche Schrift in den Kirchenbüchern ist teilweise nur schwer entzifferbar. So sind die wenigen Aufzeichnungen für Altenstädt im Kirchenbuch von Altendorf für die Zeit von 1650 -1653 von Pfarrer Henrich Wagner geradezu als schlampig anzusehen. Wie ihm der Weg von Elben nach Altenstädt zu beschwerlich war (weswegen er das Pfarramt für Altenstädt an Balhorn übergab), waren ihm auch die Eintragungen ins Kirchenbuch in ordentlicher, lesbarer Schrift mühevoll (er hatte wichtigeres zu tun; schließlich hatte er zehn Kinder). Mit 36 Jahren konnte ihm niemand mehr den Weg von Elbenberg nach Altenstädt zumuten.
Die Kirchenbücher haben nachweisbar erhebliche Lücken. Es müssen kirchliche Handlungen vorgenommen worden sein, die ins Kirchenbuch nicht eingetragen wurden. Hierfür können Krieg, Krankheit oder Wechsel des Pfarrers, aber auch Nachlässigkeit oder Mangel an Erinnerungsvermögen verantwortlich sein. Es bestand wohl bei dem ein oder anderen Pfarrer die Sitte, die Amtshandlungen auf Handzettel zu sammeln und später nachzutragen. Bei den Täuflingen, Konfirmanden und Brautpaaren findet sich Jahre hindurch nur der Name des Vaters der Betreffenden, und der fehlte sogar oft genug. Im ältesten Kirchenbuch wurde anfangs nur der Tag der Taufe, nicht aber auch der Tag der Geburt angegeben. Wenn im Todesfall das Sterbealter angegeben wurde, konnte das Geburtsdatum errechnet werden, so dass der Taufeintrag zweitrangig werden konnte. Bei Zugezogenen musste sich der Pfarrer auf die Angaben verlassen, die ihm von dieser Seite gemacht wurden. Die Angabe der Todesursache fehlt in den älteren Kirchenbüchern ganz allgemein. Manchmal ist das Sterbedatum neben dem Taufeintrag angegeben, besonders in der jüngeren Zeit, was wohl mit dem fragwürdigen “Arier-Nachweis” zusammenhängt, der die Familienforschung arg in Misskredit gebracht hat. Diese nachträglichen Vermerke sind eine gute Hilfe für Unterscheidungen bei gleichen Vornamen in derselben Familie. Die Eheschließungen, die im Kirchenbuch nicht nachzuweisen sind, fanden wohl (meist) am Wohnort der Braut statt.
In den Kirchenbüchern finden wir höchst selten eine Berufsangabe. Das dürfte sich daraus erklären, dass Altenstädt ein Bauerndorf war (siehe Berufe in Altenstädt). Der Ackermann war deshalb so etwas Selbstverständliches, dass man den Beruf gar nicht erst erwähnte. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Kirchenbücher nach einheitlichen und verbindlichen Bestimmungen geführt. Darum sind die Eintragungen nunmehr umfangreicher, und auch die Berufsangaben fehlen nicht mehr. Sie sind sogar in Schönschrift geschrieben.
Wenn wir uns die Kirchenbücher in sozialpolitischer Hinsicht ansehen, fällt der enorme Kinderreichtum vieler Familien auf. Einige Beispiele aus dem ältesten Kirchenbuch mögen dies belegen: Michael Ernst hat in 2 Ehen 8 Söhne und 3 Töchter; Werner Ritter hat in 26 Ehejahren mit Anna Thielemann 7 Töchter und 6 Söhne; Reinhard Ger(h)old hat mit Anna Elisabeth Thielemann 4 Söhne, 6 Töchter; sein Bruder Henrich zeugt in 20 Ehejahren mit Elisabeth Neumeyer 7 Söhne und 3 Töchter; Tebes Grünewald hatte in 25 Ehejahren 10 Töchter, aber keinen Sohn; Dammes (=Adam, aber auch Thomas) Schäfer hatte in 20 Ehejahren 9 Töchter und auch keinen Sohn; Johannes Köhler hatte mit Catharina Löber 5 Söhne, 7 Töchter; Johs. Hoffmeister und Elisabeth Soimes brachten es auf 4 Söhne und 7 Töchter und H. Henrich Ledderhose mit Anna Maria Wolf auf 9 Söhne und 3 Töchter; Bernd Müller gab sich in 2 Ehen mit 10 Söhnen und 3 Töchtern zufrieden
Dem Kinderreichtum stand die größere Kindersterblichkeit gegenüber. Die hygienischen Verhältnisse mögen teils ungenügend, teils katastrophal gewesen sein. Die große Sterblichkeit der Kinder ist nicht in dem Maße und allein auf sie zurückzuführen, wie das heute beurteilt werden könnte. Wir dürfen nicht übersehen, dass die Bauersfrau als Aufgabe und Erfüllung an ihrer Familie einen Arbeitstag vor sich hatte, der bei Sonnenuntergang nicht zu Ende war. Müde, abgearbeitet, durch die ständigen Schwangerschaften geschwächt, musste es zur größeren Kindersterblichkeit kommen. Kinder waren die einzige mögliche Sozialversicherung in früherer Zeit. Jede Frau war sich bewusst, dass ihr der Tod ständig auf den Fersen war. Im Dorf war der Friedhof nicht weit. Man hatte ihn täglich vor Augen. Die Lebenden und die Toten wohnten rund um die Kirche. Der Tod gehörte zum Leben. Man war zu jeder Zeit auf ihn eingestellt und nahm ihn als Gottes Fügung mit großer Gläubigkeit hin.
Wie sich aus den Kirchenbüchern ergibt, heirateten viele Männer in Altenstädt sehr spät, z.T. nicht unter 32 Jahren. Allerdings gab es auch manches “späte Mädchen” als Ehefrau. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Leben doch eigentliche recht kurz bemessen war. Für ein solches Verhalten mögen viele Gründe sprechen.
Wenn es einen Hof zu erben gab, dann konnte ihn in einer Großfamilie nur einer übernehmen. Die Geschwister konnten sich dann nur als Knechte und Mägde verdingen. Wer dadurch ein warmes Essen und ein Dach über den Kopf hatte, überlegte es sich zweimal, bevor er die einigermaßen zufriedenstellende Geborgenheit für einen ungewissen Ehestand aufgab. Man blieb lieber unverheiratet, und das waren in Altenstädt nicht wenige. Es spricht für eine bemerkenswertes Verantwortungsbewusstsein, dass man erst heiratete, wenn feststand, dass man eine Familie ernähren konnte. Das aber ergab sich anscheinend oft sehr spät. Für die Besitzlosen muss die Ehe häufig der Versuch und das Bestreben gewesen sein, durch Gegenseitigkeit das Leben zu meistern und durchzukommen. Für eine Ehe auf dem Dorf verbot sich Untätigkeit und Müßiggang oder gar ein Lotterleben von selbst.
Wer einen Hof besaß - in Altenstädt waren es nicht einmal ein Dutzend Hofbesitzer -, der gab ihn nicht allzu früh an den Erben weiter. An vorzeitigen Schwiegertöchtern oder -söhnen bestand kein allzu großes Interesse. Der “Herr im Hause” ließ sich in nichts hineinreden, und nach ihm allein hatte sich alles zu richten. Wohl in den meisten Fällen ging der Hof erst dann an die nächste Generation weiter, wenn das aus Alters- oder Krankheitsgründen nicht länger zu verhindern war. Aus eben all diesen Gründen ist die vielfach festgestellte sehr späte Ehe zu verstehen.
Die Kirchenbücher berichten, dass junge Ehemänner häufig schon in jungen Jahren und nach kurzer Ehe starben. Andererseits geben sie auch darüber Auskunft, dass sehr oft junge Mütter im Kinderbett ihr Leben beendeten. Die eine wie die andere Seite musste - besonders, wenn schon mehrere Kleinkinder vorhanden waren - die 2. oder gar 3. Ehe suchen und eingehen. Der Nachwuchs bedurfte der Betreuung und Versorgung durch Vater und Mutter. Die so geschlossenen Vernunftsehen waren gewiss nicht immer die schlechtesten.
Untersucht man die ehelichen Verbindungen auf die beteiligten Familien, so ergibt sich aus den Eintragungen die Tatsache, dass die ältesten, in Altenstädt ansässigen Familien gewissermaßen einen geschlossenen Heiratskreis bildeten, in den man wohl hineingeboren werden musste und in den einzuheiraten, gar nicht so leicht fiel. Die Familien Ritter, Schlutz, Gerhold, Döring, Löber, Wicke, Derx und andere, die sich von den Jüngsten, jetzt Lebenden, 12-15 Generationen zurück verfolgen lassen, sind stärkstens miteinander versippt.  Sie sind eine große, mehr oder weniger entfernte Verwandtschaft. Trotz dieser vielfältigen blutsmäßigen Verbundenheit wäre es nicht richtig, ja geradezu ungerecht, von einer dörflichen Oberschicht zu sprechen, ähnlich dem Patriziat in den Städten des Mittelalters. Den größeren Einfluss haben diese Familien in Altenstädt gehabt und ausgeübt. Es sieht fast so aus, als hätten nicht so sehr die Männer, sondern Familien die Orts- und Dorfgeschichte bestimmt. Nur diese Familien stellten rund 200 Jahre lang hier die Greben bzw. Bürgermeister. Ausgenommen die Namensträger Ritter stellten keinen von ihnen.
Aufs höchste überrascht es, dass fast alle Familiennamen des ausgehenden Mittelalters verschwunden sind. Familien mit den größten Kinderreichtum nennt niemand mehr. Man steht vor dem Rätsel, wie ein solcher radikaler Wechsel der Dorffamilien eintreten konnte. Er ist ganz wahrscheinlich durch die Reformation oder durch den 30jährigen Krieg eingetreten. Keine Urkunde, kein Beleg berichtet von freiwilligen oder zwangsmäßigen Ein- oder Auswanderungen. Namen, die nach dem großen Religionskrieg hier heimisch wurden und waren, im Kirchenbuch viele Eintragungen veranlasst haben, fehlen heute gänzlich. Es lässt sich aber urkundlich beweisen, dass ihr Blut in den meisten älteren Altenstädter Familien auch heute noch fließt. Der laufende, nicht unbeträchtliche Zuzug von außerhalb -trotz mancher behördlicher Behinderung in früheren Jahren (siehe Zehntpfennig) - bedeutete eine ständige Erneuerung und hat eine Inzucht in Altenstädt gar nicht erst aufkommen lasen.
Man hat zwar für die Zeiten vom ehedem die Behauptung aufgestellt, graue Haare seien selten gewesen. Das trifft - mindestens teilweise - für Altenstädt nicht zu. Eine aufgestellte, lange Liste über das erreichte Alter seiner Einwohner bestätigt das. Gemessen an der jeweiligen Einwohnerzahl sind es nie wenige Hochbetagte im Dorf gewesen. Wenn im Kirchenbuch ein 55Jähriger als “alter Mann” bezeichnet wird, welche Auszeichnung und Bewunderung verdienten dann die zahlreichen über 75- und 80Jährigen? Catharina Schleußer, geboren 1580, gestorben 1672, wurde gar 92 Jahre alt. Der älteste Einwohner von Altenstädt wurde Johannes Köhler, der 1726 starb und 100 Jahre alt geworden war.
Die Familiennamen unseres Landes entstanden erst um 1350 bis 1400. Vorher unterschieden sich die Leute nur durch Vornamen; evtl. setzte man zur besseren Kennzeichnung ein passendes Beiwort hinzu: der kleine, der junge, der Schuster, der Wißkopf, der Isthaer, usw.). In Bezug auf die Vornamen war man in Altenstädt anspruchs- und fantasielos; man beschränkte sich auf wenige (christliche) Vornamen. Bei 451 männlichen Vornamen sind vertreten: Johannes 115 mal, Martin 74, Henrich/Ricus 51, Jost 30, Reinhard 25, Curt/Conrad 20, Werner 15, Michael 12, Georg 10, Jacob und Matthias je 9, Arend, David, Friedrich und Adam je 7 und andere (9) Namen nur je 1 mal. Von 426 weiblichen Vornamen lauten die Taufeintragungen auf: Elisabeth 123 mal, Catharina 72, Magdalena 66, Maria 38, Gerdrauth/Gertrud 34, Orthia/Dorothea 29, Christina 17, Martha 17, Margarethe 8, Gela 6, Anna 4, Zina, Agnesa, Edeling, Justina je 2 und Barbara, Wilhelmina, Sophia-Hermine und Susanne je 1 mal. Die Vornamen Johannes und Anna wurden vielfach dem eigentlichen Rufnamen vorgesetzt, was natürlich auch zu Irrtümern führen konnte, wenn erstere später einfach wieder weggelassen wurden.
Das Kirchenbuch enthält auch folgenden Taufeintrag: ”Christine Gertrude Mannsbach, genannt Levi (vor ihrer Taufe geheißen Zerle M., uneheliche Tochter der Jüdin Elle Mannsbach, nachherige Ehefrau des Israeliten Jacob Levi), Obervorschütz in der Synagogen-Gemeinde getauft 28.2.1830, gestorben Altenstädt 8.10.1872”.

Quelle: 1150 Jahre Alahstat - Aldenstede - Altenstädt 831-1981 von Georg Feige (1981)

Gelegenheitsfund aus Altenstädt
von Mario Arend (03/06)
Unter den Sterbeeinträgen des Jahres 1686 des Kirchenbuches Altenstädt, Krs. Kassel, befindet sich der folgende gleich 3 Personen betreffende Eintrag mitsamt der Rechtfertigung des Pfarrers für die gemeinsame Beerdigung:

"Den 26ten Mart. sindt nachfolgente 3 personen beerdiget worden.
Eliesabet, Michel Ernsts hausfraw, so 55 jahr alt gewesen.
David Fingerling, seines alters 41 jahre.
Johannes Schlutz, von 36 jahren.
NB. die bestattung dieser 3 toden auf einmal vermeinte der jetzige naßweise u. fürwitzige Kastenmeister zur Naumburg zu hinterdreiben, schickte deswegen donnerstags abents spät einen offenen zettel an mich, folgentes innhalts:
Hochgeehrter H[err] Pfarrer.
Ich vernehme daß M[ein] h[ochgeehrter] H[err] Pfarrer morgen in Altenstedt 3 leichen mitteinander zur erden bestatten wolle; Weilen nun dies etwas nachdenckliches, so beliebe M[ein] h[ochgeehrter] H[err] Pfarrer dieses wegen gewisser ursach einzustellen, u. die leichen separatim zu begraben; In dieser Zuversicht verbleibe
Allendorfs den 4.ten Apr. 1686
M[eines] h[ochgeehrten] H[errn]  Pfarrers dienstwilliger H Dielen Hen
Demnach aber dieser verenderungs vorschlag mir nicht anstendig, weilen ich dieses Kastenmeisters des estime nicht achte, daß er mich in meiner ampts-verrichtung solle reformieren, vermalen es auch höchst-billig, daß die 3 toden, so innerhalb stunden an der Haupt-Schwachheit nacheinander verstorben, auf einmal bestattet würden, hab ich, der ohnzeitigen einbildung des Kastenmeisters zu begegnen, u. zu zeigen, daß er mir nicht zu befehlen habe, meinnen gemachten anstalt nach, die 3 leichen auf einmal u. in einem actu lassen fortgehen."


Dieser Kirchenbucheintrag stammt von Johannes Curtius (Kurtz), dem ev. Pfarrer von Balhorn (1670-1704), wozu Altenstädt seit 1653/54 als Filial gehört.1 Mit Allendorf ist das benachbarte ev. Altendorf gemeint, seit 1650 Filial von Elben. Der Kastenmeister ist jedoch aus dem kath. Naumburg, das mit diesen beiden Amtsdörfern Altenstädt und Altendorf das Amt Naumburg bildete, eine kurmainzische Exklave innerhalb der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Der daraus resultierende Konfessionsstreit ist für Altenstädt ab 1612 belegt und 1654 zugunsten der ev. Konfession entschieden. Dennoch erfolgt noch im Jahr 1670 bei der gesonderten Einführung des Curtius in Altenstädt ein offizieller Protest der Mainzer Beamten zu Naumburg.2 Von einem Naumburger Kastenmeister will sich Curtius daher nichts "befehlen" lassen und so tituliert er ihn kurzerhand als "naßweis und fürwitzig". Das Schreiben des Kastenmeisters ist auf den 4. April des neuen, Gregorianschen Stils datiert; dies entspricht dem 25. März des alten, Julianischen Stils, in dem Curtius rechnet.

1: Bätzing, Gerhard (1975): Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Wolfhagen
2: Wittekindt, Heiner: Aus der Kirchengeschichte Altenstädts, in: Feige, Georg (1981): 1150 Jahre Altenstädt

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